Was ein modernes OEMS heute leisten muss.

Im ersten Beitrag haben wir aufgezeigt, wo heutige Handels-Setups an ihre Grenzen stossen und weshalb die bevorstehende Migration auf SIX Equinox für viele Schweizer Finanzinstitute eine gute Gelegenheit bietet, die eigene Handelsarchitektur zu überprüfen. Darauf aufbauend zeigt dieser zweite Teil, welche neuen Möglichkeiten moderne Order und Execution Management Systeme (OEMS) bieten und wie Schweizer Banken diese nutzen können. Im Fokus stehen die funktionalen und technologischen Weiterentwicklungen, ihr konkreter Mehrwert für den Handelsbetrieb sowie die Frage, unter welchen Voraussetzungen sich die Investition in eine moderne Handelsarchitektur auch auszahlt.

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Die wichtigsten Funktionen eines modernen OEMS

Moderne Order- und Execution-Management-Systeme (OEMS) gehen weit über die Erfassung und Weiterleitung von Handelsaufträgen hinaus. Sie unterstützen die Steuerung der Orderausführung, automatisieren wiederkehrende Prozesse und ermöglichen die Auswertung von Ausführungspreisen und Handelskosten sowie die Überwachung von Preis-, Positions- und Cashlimiten. Viele dieser Funktionen, welche früher vor allem grösseren Finanzinstituten vorbehalten waren, sind heute Bestandteil integrierter Plattformen oder über spezialisierte Anbieter verfügbar.

Welche Funktionalitäte den grössten Mehrwert bieten, hängt vom Geschäftsmodell und den Anforderungen der jeweiligen Bank ab. Während für kleinere Banken oftmals schlanke Prozesse und ein geringer Betriebsaufwand im Vordergrund stehen, gewinnen bei Instituten mit umfangreichem Eigenhandel oder wachsendem Asset Management zusätzliche Ausführungswege, Automatisierung und Skalierbarkeit an Bedeutung.

Die folgende Abbildung veranschaulicht die zentralen Funktionsbereiche eines modernen OEMS und deren Einbettung in die Handelsarchitektur. Die sieben Bereiche werden anschliessend näher erläutert.

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1 Durchgängige Orderverarbeitung vom Auftrag bis zur Allokation

Ein modernes OEMS unterstützt den gesamten Orderlebenszyklus und bildet auch Änderungen, Stornierungen, Ablehnungen, Teilausführungen und Korrekturen korrekt ab. Funktionen wie Splitting, Bulking, Crossing und automatische Allokation ermöglichen zudem die Verarbeitung komplexer Orderflüsse. Beispielsweise können beim Rebalancing im Asset Management gleichgerichtete Aufträge gebündelt, gemeinsam ausgeführt und anschliessend automatisch den entsprechenden Kundenportfolios zugeordnet werden. Dabei müssen ursprüngliche und abgeleitete Orders, offene Mengen, Ausführungen und Statusänderungen nachvollziehbar bleiben.

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2 Pre-Trade Kontrollen

Bereits vor der Ausführung lassen sich Kunden- und Produktregeln, Mandatsvorgaben sowie Preis-, Mengen-, Positions-, Cashlimiten prüfen. Je nach Anlageklasse können auch Konzentrationslimiten oder Risikokennzahlen wie Delta und DV01 berücksichtigt werden.

Bei Regelverletzungen können Orders automatisch blockiert, mit Warnungen versehen oder zur manuellen Freigabe weitergeleitet werden. Rollenbasierte Zugriffsrechte legen fest, wer Aufträge erfassen, freigeben oder ändern darf. Die entsprechenden Aktionen werden stets in einem Audit-Trail protokolliert. Zusätzliche Sicherheitsmechanismen wie maximale Ordergrössen und zulässige Preisabweichungen schützen insbesondere bei der automatisierten Ausführung vor fehlerhaften Orders.

3 Mehr Ausführungsmöglichkeiten und bessere Preisfindung

Moderne OEMS ermöglichen es, unterschiedliche Broker, Handelsplätze und Liquiditätsquellen in den Ausführungsprozess einzubinden. Markt- und Preisinformationen verschiedener Anbieter lassen sich zusammenführen und vergleichen. Dadurch können Banken je nach Anlageklasse, Ordergrösse und Marktsituation zwischen verschiedenen Ausführungsmöglichkeiten wählen. Mit Smart Order Routing (SOR) lassen sich Orders anhand definierter Regeln an geeignete Ausführungsplätze weiterleiten. Ausführungsalgorithmen wie VWAP oder TWAP ermöglichen es, grössere Orders über einen bestimmten Zeitraum zu verteilen, um ihre Auswirkung auf den Markt zu begrenzen. Im ausserbörslichen Handel, wo es oft kein zentrales Orderbuch gibt, bieten elektronische Preisanfragen (RFQ) an mehrere Gegenparteien oder direkt verfügbare Dealer-Preise zusätzliche Möglichkeiten, insbesondere bei Anleihen und Devisen. Banken können dadurch Preise und verfügbare Liquidität verschiedener Handelspartner vergleichen, den Markteinfluss grösserer Orders begrenzen und ihre Abhängigkeit von einzelnen Brokern reduzieren.

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4 Anbindungen und Integration

Eine Integration mit Kernbankensystemen, Brokern, Handelsplätzen und weiteren Umsystemen bildet die Grundlage für durchgängige Handelsprozesse. Schnittstellen, beispielsweise über APIs oder FIX, ermöglichen einen automatisierten Informationsfluss und reduzieren manuelle Übertragungen. Dabei müssen auch Verbindungsabbrüche, verspätete Nachrichten und wiederholte Übermittlungen verarbeitet werden können, um Doppelorders, falsche Status oder fehlerhafte Buchungen zu vermeiden. Idealerweise stehen vorgefertigte, vom Anbieter gepflegte Anbindungen zur Verfügung. So können Banken zusätzliche Broker, Handelsplätze oder Anlageklassen integrieren, ohne tiefgreifende Anpassungen an ihrer bestehenden Systemlandschaft vornehmen zu müssen.

5 Regulatorisches Reporting automatisieren

Um die Nachhandelstransparenz im Börsen- und ausserbörslichen Handel zu erfüllen, unterstützt ein modernes OEMS die automatisierte Erstellung und Übermittlung regulatorischer Meldungen an die jeweils zuständigen Meldestellen und Transaktionsregister, beispielsweise an die Meldestelle der SIX. Die dafür erforderlichen Order- und Ausführungsdaten werden bereitgestellt und über entsprechende Schnittstellen an die zuständigen Meldesysteme übermittelt. Angesichts der kurzen Meldefristen ist eine manuelle Erfassung von Meldungen nicht praktikabel. Als Beispiel sind nachfolgend die Meldefristen gemäss Meldereglement der SIX aufgeführt.

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Insbesondere bei hohem Handelsaufkommen steigt das Risiko, Fristen zu verpassen. Meldepflichtverletzungen können aufsichtsrechtliche Untersuchungen und finanzielle Sanktionen nach sich ziehen [1]. Eine automatisierte Erstellung und Übermittlung der Meldungen ist daher für den Handelsbetrieb unverzichtbar.

6 TCA und Auswertungen

Nach FIDLEG müssen Finanzdienstleister bei der Ausführung von Kundenaufträgen das bestmögliche Ergebnis in finanzieller, zeitlicher und qualitativer Hinsicht erreichen [2]. Belegen lässt sich das nur mit Daten. Eine Transaktionskostenanalyse (TCA) vergleicht jede Ausführung mit einem Referenzpreis, etwa dem Kurs beim Ordereingang oder dem volumengewichteten Durchschnittspreis (VWAP). So wird sichtbar, welcher Broker, welcher Algorithmus und welcher Zeitpunkt wie viel kosten.

Vor dem Handel helfen Schätzungen zu Markteinfluss und Liquidität bei der Entscheidung, ob eine grosse Order auf einmal oder verteilt ausgeführt wird. Nach dem Handel bilden die Auswertungen die Grundlage, um die Auswahl von Brokern, Handelsplätzen und Ausführungsstrategien regelmässig zu überprüfen. Manche OEMS haben TCA integriert, andere liefern die Daten an spezialisierte Anbieter. Beides funktioniert, solange die Order- und Ausführungsdaten vollständig sind und die Auswertungen den operativen Handel nicht belasten.

7 Stabiler Betrieb und passendes Betriebsmodell

Ein zuverlässiger Betrieb setzt voraus, dass Orders und Systemverbindungen überwacht, Fehler frühzeitig erkannt und sämtliche Aktivitäten nachvollziehbar protokolliert werden. Nach einem Ausfall muss zunächst geklärt werden, welche Orders an den Handelsplätzen oder bei Brokern noch aktiv sind, beispielsweise anhand von Drop-Copy-Meldungen. Erst wenn der Orderstatus abgeglichen ist, sollten neue Orders angenommen und das Routing wieder freigegeben werden. Solche Wiederanlaufszenarien müssen auch bei offenen Orders, Verbindungsunterbrüchen oder einem Ausfall des Kernbankensystems getestet werden.

Trends: Welche Entwicklungen an Bedeutung gewinnen

Folgende Trends gewinnen zunehmend an Bedeutung und prägen die Entwicklung von Handelsarchitekturen in den kommenden Jahren massgeblich.

Datenbasierte Steuerung des Handels. Historische Ausführungspreise und Handelskosten sowie aktuelle Marktdaten zu Liquidität und Volatilität fliessen zunehmend in Routingentscheidungen und Pre-Trade-Kontrollen ein. Dadurch lassen sich Ausführungsstrategien anhand von Handelsdaten laufend abstimmen und optimieren.

Modulare Handelsarchitekturen. Schnittstellen und modular aufgebaute Plattformen ermöglichen es, einzelne Komponenten zu ergänzen oder auszutauschen. So kann beispielsweise ein bestehendes OMS um ein spezialisiertes EMS erweitert werden, ohne die gesamte Handelsarchitektur ersetzen zu müssen.

Handelsanbindungen und Betrieb als Service. Softwareanbieter stellen bestehende Anbindungen zu Brokern, Handelsplätzen und elektronischen Handelsplattformen zur Verfügung. Während die Eigenentwicklung einer Schnittstelle mehrere Monate dauern kann, lassen sich bereits verfügbare Anbindungen häufig innerhalb kurzer Zeit freischalten. Auch der technische Betrieb der Handelsplattform kann über SaaS- oder Managed-Service-Modelle an den Anbieter ausgelagert werden. Banken können so neue Handelsanbindungen schneller nutzen und den Aufwand für Entwicklung, Wartung und Betrieb eigener Systeme reduzieren.

Business Case: Wann lohnt sich ein modernes OEMS

Der Nutzen einer modernen Handelsarchitektur geht über die Automatisierung bestehender Prozesse und die Reduktion operativer Kosten hinaus. Ein modernes OEMS kann Banken dabei unterstützen, neue Geschäftsmöglichkeiten zu erschliessen, steigende Handelsvolumina zu bewältigen und ihr Leistungsangebot weiterzuentwickeln.

Der Mehrwert zeigt sich insbesondere in vier Bereichen:

Wachstum und Skalierbarkeit: Zusätzliche Mandate, Fonds und Anlagestrategien können effizient verarbeitet werden. Automatisierte Orderprozesse ermöglichen es, das Handelsgeschäft auszubauen, ohne die operativen Kapazitäten im gleichen Mass erweitern zu müssen.

Neue Handels- und Ausführungsmöglichkeiten: Zusätzliche Broker, Handelsplätze und Liquiditätsquellen ermöglichen den Vergleich von Preisen und Handelskosten. Ausführungsalgorithmen können zudem den Markteinfluss grösserer Orders begrenzen und Transaktionskosten verringern.

Flexibilität und Erweiterbarkeit: Neue Produkte, Anlageklassen und Handelspartner lassen sich einfacher integrieren. Banken können dadurch schneller auf veränderte Kundenbedürfnisse reagieren und ihr Leistungsangebot erweitern.

Effizienz und Betriebssicherheit: Automatisierte Prozesse, Pre-Trade-Kontrollen und zuverlässige Schnittstellen ermöglichen die Verarbeitung steigender Handelsvolumina und reduzieren operationelle Risiken, insbesondere solche, die bei der manuellen Erfassung und Bearbeitung von Orders entstehen.

Beispiel: Wachstum im Asset Management

In der Vermögensverwaltung werden Anlageentscheidungen häufig zentral getroffen und über zahlreiche Kundenportfolios umgesetzt. So können Anpassungen der strategischen oder taktischen Asset Allocation (SAA/TAA) zu Änderungen der Zielgewichtungen in Modellportfolios führen. Entscheidet eine Bank beispielsweise, die Aktienquote einer Anlagestrategie zu erhöhen, müssen die entsprechenden Käufe und Verkäufe für betroffene Mandate ermittelt und ausgeführt werden.

Ein modernes OEMS unterstützt die Umsetzung solcher Entscheidungen. Die aus dem Portfoliomanagement generierten Orders können geprüft, gebündelt, gemeinsam ausgeführt und anschliessend den einzelnen Kundenportfolios zugeordnet werden.

Daraus entsteht ein wesentlicher Skalierungseffekt: Zentrale Anlageentscheidungen lassen sich effizient über Hunderte oder Tausende Kundenmandate hinweg umsetzen. Dies schafft die Voraussetzung, das Asset-Management-Geschäft auszubauen und zusätzliche Mandate und Anlagestrategien zu betreuen, ohne den Personalbestand im Handel proportional erhöhen zu müssen.

Für den Business Case ist nicht allein das Einsparpotenzial entscheidend, sondern vor allem, welche Wachstumschancen und neuen Geschäftsmöglichkeiten die Handelsarchitektur eröffnet. Ob sich eine Investition lohnt, hängt davon ab, wie gross diese Potenziale für die jeweilige Bank sind und welche Investitions- und Betriebskosten ihnen gegenüberstehen.

Fazit: Die Handelsarchitektur auf Wachstum ausrichten

In vielen Banken ist die Handelsarchitektur über Jahre gewachsen. Bestehende OMS-Lösungen, etablierte Ausführungswege und ergänzende manuelle Prozesse erfüllen ihren Zweck, solange Handelsvolumina und Anforderungen weitgehend stabil bleiben. Wer jedoch zinsunabhängige Geschäftsfelder wie das Asset Management ausbauen, zusätzliche Handelsplätze erschliessen oder den Handel effizienter gestalten möchte, stösst mit solchen Strukturen zunehmend an Grenzen.

Bei der Auswahl eines Systems zählt weniger die Zahl der Funktionen als die Frage, ob es den eigenen Orderlebenszyklus durchgängig abbildet, Veränderungen skalierbar unterstützt und einen wirtschaftlichen Nutzen gegenüber den notwendigen Investitionen schafft.

Oepfelbaum unterstützt Schweizer Banken dabei, Order- und Ausführungsprozesse vom Auftrag bis zur Buchung zu analysieren, Systemzuständigkeiten zu klären und eine umsetzbare Zielarchitektur zu entwickeln. Wenn Sie Ihre Handelsarchitektur überprüfen oder eine Systemauswahl vorbereiten möchten, platzieren Sie bei uns die nächste Order – wir unterstützen Sie gerne bei der Analyse Ihres konkreten Orderablaufs.

Quellen

[1] SIX Swiss Exchange AG, Reglement der Meldestelle (Meldereglement, MR) vom 19. Mai 2026, in Kraft seit 1. Juli 2026, Ziff. 2.6 «Fristen für Meldungen», S. 5–6.
[2] Bundesgesetz über die Finanzdienstleistungen (FIDLEG) vom 15. Juni 2018, SR 950.1, Art. 18.

Maximilian Kuttner
Autor

Maximilian Kuttner

Der Hartnäckige

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